Montag, 14. Mai 2018

Nach dem Katholikentag

Wohin steuert das Kirchenschiff? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Nicht erst seit dem Katholikentag, der gestern in Münster zu Ende gegangen ist. Sein Motto: „Suche Frieden.“ Es gab unzählige Veranstaltungen, Diskussionen, Gottesdienste und Konzerte. Vom Workshop bis zur Beichte war alles drin. Und alles, was bei Kirchens so kreucht und fleucht, war vertreten, von ziemlich links bis ungefähr rechts, von liberal bis konservativ, von aufgeklärt bis abgeklärt, von der Basis bis zum Bischof.

Ganz ehrlich: Solche Massenveranstaltungen mag ich eigentlich nicht so sehr. In meiner Pfarrkirche Heilig Kreuz war den ganzen Tag Programm, ein Kommen und Gehen. Fast unwirklich, denn so viele Leute sind ansonsten nicht da. Die ganze Zeit habe ich mich gefragt: Was bringt das eigentlich? So ein Katholikentag ist ja auch ziemlich teuer. Außer Spesen nichts gewesen? Wie steht es um die Nachhaltigkeit? Ohne Zweifel für viele ein gutes Gemeinschaftsgefühl. Mehr nicht?

Wohin also steuert das Kirchenschiff? Es gibt in der Geschichte der Menschen drei berühmte Schiffe: die Arche, die Titanic und die Santa Maria. In der Arche sammelt man den heiligen Rest.Sind alle drin, macht man die Türen zuund wartet, bis die Sintflut vorüber ist. Heute wäre das etwa die Sintflut der Gleichgültigkeit, des Individualismus. In diesem Kirchenschiff sitzen manche, die auch auf dem Katholikentag vertreten waren: unkritisch, gefolgstreu, fromm. Manche von ihnen haben jedoch, wie mir scheint, längst dichtgemacht. Keine Reform, keine Zukunft.

Die Titanic war ein Stahlkoloss, der als unsinkbar galt; oben wurde noch gefeiert, während unten schon Wasser eindrang. Als Kirchenschiff wäre die Titanic ein Boot, das bereits untergeht, das kollidiert mit den Spitzen des Eisbergs Postmoderne. In diesem Kirchenschiff sitzen einige, auch auf dem Katholikentag: selbstherrlich, dogmatisch, eitel. Das ist „Kirche von oben“, die eigentlich keiner mehr will. Sie fordern Gehorsam – und haben nur scheinbar alles im Griff. Auf dem sinkenden Schiff.

Ich möchte lieber losfahren mit der Santa Maria! Das war das Schiff des Kolumbus, der eigentlich nach Indien wollte und nebenbei Amerika entdeckte. Es waren drei Schiffe – nicht eins allein. Die Mannschaft war durchschnittlich, die Schiffe waren alt. Keiner wusste so richtig, wohin es ging, aber es gab eine Vision. Und Begeisterung für das Neue. Wenn eine solche Aufbruchsstimmung vom Katholikentag übrigbliebe, das wäre schon was. Jedenfalls mehr als nichts. (WDR 2+4 am 14.5.2018)

Sonntag, 29. April 2018

Frieden und Freiheit

Wenn ich an den Frieden denke, dann habe ich große Sorgen. Denn ich sehe überall, dass der Friede bedroht ist. Und dass die guten Gegenkräfte schwächer werden. Wenn zum Beispiel Religion mit Terrorismus gleichgesetzt wird, dann verlieren alle Religionen an Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Attraktivität. Auch das Christentum.

Warum gewinnen eigentlich so oft die Falschen, gerade in Krisenzeiten? Warum kommen in vielen Ländern faktisch Diktatoren an die Macht? – Ein selten gelesenes Stück Bibel ist die Jotamfabel aus dem Buch der Richter. Nach dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber ist sie „die stärkste antimonarchische Dichtung der Weltliteratur“. Hören Sie mal genau hin:

„Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Der Ölbaum sagte zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken? Da sagten die Bäume zum Feigenbaum: Komm, sei du unser König! Der Feigenbaum sagte zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit aufgeben und meine guten Früchte und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken? Da sagten die Bäume zum Weinstock: Komm, sei du unser König! Der Weinstock sagte zu ihnen: Soll ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken? Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Komm, sei du unser König! Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wollt ihr mich wirklich zu eurem König salben? Kommt, findet Schutz in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen.“ (Richter 9,8-15)

Im Alten Orient wurde ein guter König mit einem Fruchtbaum verglichen. Denn wie ein Fruchtbaum, so soll der König Früchte und Schatten spenden, also Leben und Sicherheit. Doch der Ölbaum, der Feigenbaum und der Weinstock wollen nicht König sein; sie wollen nicht „über den anderen schwanken“. Am Ende wird der Dornstrauch zum König gemacht; ausgerechnet er, der weder Früchte hat noch Schatten spenden kann. Ein Nichtsnutz kommt ganz nach oben und verbreitet Schrecken und Gewalt.

Die guten Bäume wollen „nicht über den anderen schwanken“; sie wissen also, dass Politik ein schweres und fruchtloses Geschäft sein kann, voller Kompromisse, langwierig und mühsam. Sie wollen ihr Fett, ihre Süßigkeit und ihren Wein nicht aufgeben. So bleibt nur der Dornstrauch übrig. Und der versteht von Politik überhaupt nichts! Wie heute: Weil so viele ein ruhiges Leben vorziehen, weil noch mehr lieber ihren Mund halten, kommen oft die Falschen an die Macht. 

In zwei Wochen beginnt in Münster der Katholikentag. Das Motto „Suche Frieden“. Wer darunter versteht: Lasst mich in Frieden – der setzt viel aufs Spiel. Wer sich heraushält, wer die Welt sich selbst überlässt, riskiert seine Freiheit. Die Einstellung „Man kann ja doch nichts machen“ ist gefährlich. Ich möchte mich für Frieden und Freiheit einsetzen, da, wo ich lebe. (WDR 2+4 am 30.4.2018)

Samstag, 21. April 2018

Warum ich Priester bin

Warum bin ich Priester? Weil es mein Traumberuf ist! Ich kann nämlich voll und ganz nach meinem Gewissen handeln. Ich darf Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten, auf ihrem Glaubensweg. Und das aus meinem eigenen Glauben heraus. Mit dem, was mir wichtig geworden ist. Das gibt mir Sinn und Erfüllung. Trotz allem, was im Moment vielleicht schwierig ist. 

Ich bin 1994 zum Priester geweiht worden. Im nächsten Jahr sind das 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert. Mittlerweile hat sich viel geändert in Gesellschaft und Kirche. Aber auch in meinem Verhältnis zu diesem Beruf. Deshalb ist es mir heute viel wichtiger, wer ich bin als Christ. Ich bin ein Christ, der eben auch ein Amt hat. Ich sehe mich mehr als Verkünder einer Botschaft und nicht so sehr als Vertreter einer Institution; ich bin mehr Christ in der Welt als Priester in der Kirche.

Mein Weg

Wie ich Priester geworden bin? Am besten, ich fange mal ganz von vorne an: Ich bin katholisch sozialisiert, das heißt, ich habe meinen Glauben geerbt, habe in Familie und Gemeinde mitgemacht, was andere vorgemacht haben. Christsein durch Geburt und Tradition. Die bewusste Entscheidung für Jesus kam erst viel später. Vorbilder hatte ich so gut wie keine. Die Priester in meiner Heimat wirkten auf mich eher verschroben oder waren voller Machtallüren. Deshalb ärgerte man sich in meinem Elternhaus über den Pfarrer, aber von Gott gesprochen wurde nicht. Mein eigener Zugang zum Glauben war eher die Musik, nicht die Theologie. 

Dennoch habe ich mit dem Theologiestudium begonnen, einfach weil ich Priester werden wollte, Seelsorger. Vor allem war ich von Jesus fasziniert, von seinem Gottvertrauen, seinem Leben und Sterben. Und wie er heute in der Welt erfahren werden kann: im Handeln der Kirche, im Gebet, aber eigentlich auch in jedem Menschen, der die Welt verändern will. Ich wollte Priester werden um Jesu willen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass der mich annimmt und liebt, wie ich bin. 

Das Interesse an Theologie kam erst mit dem Studium. Die Theologie hat meinen Glauben kräftig geläutert, wofür ich sehr dankbar bin. Kindliche Vorstellungen mussten weg, kritisches Denken musste her. Vor allem habe ich gemerkt, dass wir von Gott nur in Bildern sprechen können, und dass nicht alles gleich wichtig ist, was sich so angesammelt hat im Laufe der Kirchengeschichte. Also immer schön locker bleiben, die Theologie hat nicht viel mehr zu bieten als Sprechversuche von einem großen Geheimnis. Von einem Geheimnis aber, das mir in Jesus sehr nahe gekommen ist. Seinetwegen wollte ich Priester werden und möchte es bleiben, solange ich lebe. 

Im Priesterseminar waren wir 37 Erstsemester, ein großer Kurs. Dort, im Collegium Borromäum in Münster, gab es gute Ausbilder; es waren die ersten wirklichen Seelsorger, denen ich begegnen durfte. Ich war dort sehr gerne; manche meiner Freunde sagen, ich hätte das Seminar relativ unbeschadet überstanden, das sei schon viel. Denn tatsächlich ging es dort manchmal ziemlich drunter und drüber. 

Bei der Priesterweihe waren von den 37 Erstsemestern noch 18 übrig. Sechs davon haben mittlerweile ihr Amt aufgegeben und geheiratet. Auch vier meiner priesterlichen Ausbilder sind aus dem Amt geschieden. Das ist sehr schade, denn sie alle waren wirklich gute Seelsorger, kreativ und nahe bei den Menschen. Warum ich dabeigeblieben und noch Priester bin? Ich glaube, es liegt daran, dass ich schnell gelernt habe, nüchtern auf meinen Beruf und die Institution Kirche zu schauen: Ich habe von Anfang an Kontroversthemen angepackt, war kritisch und auf der Suche nach Argumenten. Autoritäten waren mir schon immer suspekt. Ich habe mich an diejenigen gehalten, die nach der Wahrheit suchten, und bin denen aus dem Weg gegangen, die meinten, sie würden die Wahrheit endgültig besitzen. Über die ganze klerikale Eitelkeit konnte ich immer schon ein bisschen lächeln, Gott sei Dank. Mit einer guten Prise Humor ist das eigentlich ganz gut auszuhalten. 

In den ersten Berufsjahren als Kaplan war alles einfach: eine lebendige Gemeinde in Gestalt von sehr aktiven und selbstbewussten Christinnen und Christen. Ich war Everybodys Darling und fühlte mich getragen. Es war eine Akzeptanz, die einen geradezu süchtig machen konnte. Wenn es so geblieben wäre, dann wäre Priestersein ein Traumberuf ohne Wenn und Aber. Gottesdienst und Predigt, Seelsorge und Gespräch erfüllen mich bis heute mit innerer Zufriedenheit. Das alles mache ich sehr gerne.

Doch nach drei Jahren kam die erste Ernüchterung. Da habe ich gemerkt: Wenn du nicht für dich selber sorgst, tut es keiner. Für meinen Arbeitsalltag, für meinen Platz in der Kirche, ja auch für meine Glaubwürdigkeit bin ich ganz allein verantwortlich. Damals schlich sich eine gewisse Resignation in die stärker werdende Routine ein. Ich wurde Jugendseelsorger und dann Rektor einer Akademie. Dort habe ich gute Erfahrungen gemacht, vor allem in der geistlichen Begleitung. Doch immer habe ich gewusst: Als Gemeindepfarrer würde ich am glücklichsten sein. Denn da hat man nicht nur Angebote zu machen, sondern darf das ganze Leben begleiten.

Nach einigen Jahren bot sich eine größere Pfarrstelle an, auf die ich mich spontan beworben habe. Dort war ich schnell zu Hause, es war traumhaft schön. Wenn auch nicht mehr alle zum Gottesdienst kamen, so gab es doch eine große Nähe zu den Menschen. Und mit einem kompetenten Seelsorgeteam ist man niemals allein. Als Pfarrer auf dem Land ist man gut vernetzt und fast überall gerne gesehen. Das macht richtig Spaß: Es gibt Interesse an Inhalten, und mit den Einrichtungen der Pfarrei konnten wir viel Gutes aufbauen. 

Mittendrin kam die Enttäuschung: Traditionsabbruch, Gemeindefusion, Denkverbote. Das macht auch vor einem Landpfarrer nicht halt. Alles in allem scheint mir: Wir sind als Kirche auf der Flucht vor der Postmoderne. Wir ziehen uns zusehends zurück und ich befürchte, wir werden zur frommen Sekte. Statt das Amt für neue Zugangswege zu öffnen, ist ein neuer Klerikalismus entstanden. Die Kirche entfernt sich von den Menschen, ihre Vertreter sind ohne Zweifel fromm und freundlich, aber zum Teil nicht fähig zum Dialog mit der modernen Welt. Unter Papst Franziskus hat sich das Blatt gewendet, aber bisher ist auch hier außer mit Worten nur wenig geschehen, jedenfalls wenig Konkretes.

Thema ohne Ende

Der Zölibat ist ein Thema ohne Ende. Die Diskussion darüber begleitet mich als Priester auf Schritt und Tritt. Für die Gemeinde ist der Zölibat faktisch bedeutungslos, er ist höchstens Anlass für Witze und die penetrante Neugier einiger Kanzelschwalben. Die Gründe für den Zölibat sind theologisch und historisch nicht mehr haltbar. Man kann den Zölibat noch geistlich sehen: als Zeichen der Jesus-Nachfolge oder als Zeichen für die Liebe Gottes, die immer größer ist. Ich halte es für besser, den Zölibat freizustellen. Ich meine: Auch der Priestermangel gehört zu den Zeichen der Zeit, durch die wir Gottes Willen erkennen sollen. Aber es geschieht nichts. Die Kirche wird sehenden Auges fromm vor die Wand gefahren. Ich weiß, das sind harte Worte, aber ich meine, wir sollten dem Ganzen schonungslos ins Auge schauen. 

Wobei: Ich glaube nicht, dass der Zölibat in absehbarer Zeit freigestellt wird. Das liegt nicht nur an der weltkirchlichen Ungleichzeitigkeit. Es liegt auch am völlig überhöhten, sakralisierten Priesterbild. Der Priester ist ja eigentlich nur Verkünder des Wortes und Darsteller Jesu Christi in den sakramentalen Handlungen. Das heißt, er verkündet das Evangelium, steht dem Gottesdienst vor und leitet die Gemeinde. Aber das Priesterbild vieler Katholiken ist immer noch aufgeladen mit archaischen Vorstellungen, es verleiht dem Amtsträger eine Macht, auf die man offenbar nicht verzichten möchte. Obwohl sie völlig unbiblisch ist. Es ist viel Magie im Priesterbild, Klerikalismus eben. Der Missbrauchsskandal hat gezeigt, wie schädlich und schändlich diese Überhöhung des Amtes ist, und was für katastrophale Folgen sie haben kann.

Kirchenreform

(Der nun folgende, kursiv gesetzte Abschnitt wurde am Tag vor der WDR-Aufnahme von Mitarbeitern des Bistums zensiert, womit eine völlig neue Qualität des kirchlichen Umgangs mit der Meinungs- und Pressefreiheit erreicht sein dürfte; ängstlicher Zentralismus ist ein Phänomen, das man momentan in vielen Staaten und Religionsgemeinschaften finden kann.)

Wir brauchen eine Kirchenreform. Darauf hoffen viele, daran arbeiten viele, sie arbeiten sich daran geradezu ab, ohne Erfolg. Auch ich bin kritisch, aber aus Loyalität. Denn es gibt einen großen Vertrauensverlust, ja eine regelrechte Spaltung zwischen Leitung und Basis. Die Kirche hat ein Kommunikationsproblem, sie spricht nicht mehr die Sprache der Menschen und wird deshalb nicht verstanden. Wiederverheiratete Geschiedene und Gleichgeschlechtliche fühlen sich aus der Kirche ausgeschlossen. Große Pfarreien überfordern viele Seelsorger und führen zu Resignation und innerer Kündigung; statt wirklicher Seelsorge geht es nur noch um Dienstleistung an den Rändern des Lebens: Geburt, Heirat und Tod. Und in der Ökumene tut sich so gut wie nichts.

Es mangelt der Kirche an einer Kultur des Dialogs auf Augenhöhe. Angepasstes Verhalten und kindlicher Gehorsam werden belohnt, mündiges Eintreten für Kirchenreformen wird bestraft, oft auf sehr subtile Weise. Das klerikale Priesterbild bedarf einer Korrektur, denn das Recht einer Gemeinde auf Leitung und Gottesdienst ist wichtiger als der Zölibat der Amtsträger. Und schließlich: Die Stellung der Frau in der Kirche muss auch auf das Amt hin neu bedacht werden, sonst wird die Kirche viele engagierte Frauen verlieren. Das heißt: Zugang zu allen Ämtern!

Ich erlebe jedoch, dass sich seit Jahrzehnten nichts bewegt. Daran ändern auch die vielen Laiengremien nichts, denn sie dürfen ja nur beraten, aber nichts entscheiden. Foren und Synoden sind häufig nur Demokratiekompensate, die den Anschein erwecken sollen, die Laien dürften irgendetwas mitbestimmen. Deshalb muss auch das monarchische Bischofsamt überprüft werden. Denn dieses Amt ist so angelegt, dass die Versuchung groß ist, sich wie ein kleiner König aufzuführen. Mehr Demokratie ist vonnöten – auch in der Kirche. 
(Ende des zensierten Abschnitts)

Heute Priester sein

Was ist meine Identität heute? Wer bin ich als Gemeindepfarrer, jetzt, in der Mitte meines Lebens? Vielleicht Konkursverwalter? Manche in meiner Pfarrei sehen mich als Chef, als Dienstgeber vieler Angestellter. Das möchte ich eigentlich nicht sein. In der öffentlichen Wahrnehmung bin ich häufig nur Repräsentant einer Institution, ich gehöre irgendwie zum gesellschaftlichen Leben dazu. Ich selbst aber fühle mich angesprochen von Jesus, ich möchte mit ihm in der Welt leben, ihm in den Menschen begegnen und sie mit ihm bekannt machen. 

Als junger Priester habe ich nach immer neuen Methoden und Aktionen gesucht; jetzt bin ich schon etwas ruhiger geworden und spreche mit ganz einfachen Worten von meinem Glauben. Auch die Kirche ist mir wichtiger geworden, nicht als Institution, sondern als Gemeinschaft. Kirche, das sind für mich die Menschen, die beten, wenn ich es nicht kann, und die glauben, während ich zweifle. Diese Kirche wird kleiner werden und weniger Einfluss haben; sie wird mobiler werden mit weniger Immobilien. Sie wird glaubwürdiger, weil sie weniger Macht haben wird. Sie wird ansprechender sein, weil sie der frommen Worte überdrüssig ist. 

Ich möchte Seelsorger sein in allen Lebenslagen, aber auch Theologe; denn nur der reflektierte Glaube wird zukunftsfähig sein. Ich glaube, dass Gott schon bei den Menschen ist, ich muss ihn da nicht erst hinbringen. Das entlastet. Wichtig ist mir das regelmäßige Gebet, die Meditation. Ich habe das kontemplative Gebet entdeckt, das einfache Gegenwärtigsein. Darin kann ich eine gewisse Ursprünglichkeit meiner Berufung bewahren. Und, ganz besonders wichtig: die Feier der Eucharistie, die heilige Messe also. Daraus lebe ich, davon bin ich beseelt, das möchte ich mit anderen teilen. 

Als Student bin ich oft erstaunt gefragt worden: „Was, du willst Priester werden? Um Gottes willen!“ Und ich habe geantwortet: „Ja, genau deswegen: um Gottes willen!“ Das sehe ich immer noch so, nach fast 25 Jahren. Priestersein bleibt für mich ein Traumberuf: dank, mit und manchmal auch trotz der Kirche. (WDR 5 am 22.4.2018)

Mittwoch, 4. April 2018

Consulting, Coach & Co.

Unternehmensberater haben Hochkonjunktur. Sie sind die Effizienz- und Sinnstrategen der Betriebswirtschaft. Sie beraten Firmen und Behörden, Profit- und Non-Profit-Unternehmen. Auch die Kirchen gehören zu ihren treuen Kunden. Jetzt hat das Bistum Münster einen Markenentwicklungsprozess angestoßen. Begleitet wird es dabei von einer Agentur, die ansonsten u.a. Borussia Dortmund, Rewe, McDonalds und die Bundeswehr berät.

Auch ich habe von Unternehmensberatern viel gelernt: Beim so genannten Markenkern geht es darum, was eindeutig zum Kerngeschäft gehören soll. Das Leitbild beschreibt die Gesamtausrichtung des Unternehmens, seine Visionen und Ziele. Das Qualitätsmanagement evaluiert, wie sich der Betrieb entwickeln kann. Die Corporate Identity schafft Verbundenheit untereinander und motiviert die Mitarbeitenden. Beim Fundraising geht es um die Aufgabe, Sponsoren zu finden und Finanzquellen zu erschließen. Das Logo macht deutlich, woran man erkannt werden möchte. Und die Bilanz stellt dar, was am Ende übrigbleibt.

Bei Unternehmensberatern kann man aber auch lernen, dass sie von Rhetorik und Manipulation mindestens ebenso viel verstehen wie von Betriebswirtschaft; sie bieten zumeist schnelle, sympathisch formulierte Lösungen an, ohne die Probleme ihrer Kundschaft auch nur annähernd durchdrungen zu haben. Denn letzten Endes wollen sie Geld verdienen. Ein kirchlicher Markenentwicklungsprozess wirkt zwar auf den ersten Blick supermodern, kommt aber einer Selbstsäkularisierung gleich: Christen werden darin zu Kunden, die Kirche wird zu einer Firma, ihre Botschaft zum Produkt und Seelsorge zum Pastoralmanagement.

Ich habe das für die Kirche einmal durchbuchstabiert. Ihr Markenkern ist die Auferstehung Jesu Christi. Denn wenn Christen nicht auferstehen, schreibt der Apostel Paulus, so wäre auch Christus nicht auferstanden und der ganze Glaube wäre sinnlos (vgl. 1 Kor 15). Umfragen haben jedoch ergeben, dass es viele Christen gibt, die zwar an Gott, nicht aber an ihre eigene Auferstehung glauben. Das ist interessant, denn immerhin nennen sie sich nach Christus, der diesen Titel erst seit Ostern trägt. Man sollte sich das ewige Leben nicht als Fortsetzung des zeitlichen vorstellen, sondern als Neuschöpfung. Ostern ist dann mehr eine Auferweckung als eine Auferstehung; wichtiger als die unsterbliche Seele des Menschen ist die schöpferische Liebe Gottes. Ohne Ostern würden wir vielleicht wehmutsvoll das Grab Jesu als das eines außergewöhnlichen Menschen pflegen, mehr aber nicht. Mit Ostern bekommen Jesus und seine Botschaft erst Bedeutung, Zukunft und Sinn.

Am Leitbild arbeiten Firmen, Vereine, Behörden und Institutionen. Auch die Bistümer und Kirchengemeinden schreiben immer neue Pastoralpläne, die bisher jedoch wenig verändert haben und deshalb schnell vergessen waren. Manches Leitbild mit „t“ wurde mit hoher Motivation erstellt und erwies sich dann doch als Leidbild mit „d“. Vielleicht liegt das daran, dass Christen längst ein Leitbild haben, nämlich das Evangelium und als dessen Sinnspitze die Bergpredigt mit dem Gebot der Feindesliebe. Letzten Endes ist Jesus Christus selbst das Leitbild aller Christen, denn beim Glauben geht es nicht vorrangig um Lehren oder Regeln, sondern um eine Person: um Jesus von Nazareth, der in die Nachfolge ruft.

Das Qualitätsmanagement wird oft als notwendiges Übel erlebt. Es ist für die Mitarbeitenden jedoch ein Muss. Man braucht es mindestens alle paar Jahre, um erneut zertifiziert zu werden. So steht der QM-Ordner, oft auch als QM-Bibel bezeichnet, meistens ganz hinten im Regal, sobald er endlich vollständig ist. Er wird dann nur noch kurz vor der nächsten Kontrolle überarbeitet. Offenbar erleiden beide – QM-Handbuch und Bibel – dasselbe Schicksal: Man muss sie haben, aber man schaut nicht gern hinein. Für das Kirchen-QM sind die Bischöfe zuständig, denn Bischof kommt von griechisch episkopos und bedeutet Aufseher, neudeutsch Supervisor. Tatsächlich steht jedoch auch ihr QM-Handbuch seit mindestens vierzig Jahren ganz hinten im Regal, weil kein Qualitätsproblem der Kirche wirklich angegangen worden ist: Priestermangel, Ökumene, Frauenfrage, Wiederverheiratete Geschiedene, Homosexuelle, Kirchensprache, Partizipation. Alles völlig unbearbeitet, die Probleme werden vor sich her geschoben und dem jeweiligen Nachfolger überlassen. Schon die Ansätze kleinster Reformen laufen gegen Blockaden. Stattdessen Skandale, die zwar nicht Grund, aber doch Anlass für viele Kirchenaustritte sind. Und das ängstliche Festhalten an Traditionen, die der eigentlichen Tradition, nämlich der Treue zu Jesus Christus, längst im Weg stehen. Unternehmensberatern vertraut man die Zukunft der Kirche an, kritische Laien und Reformtheologen müssen leider draußen bleiben.

Und die Evaluation? Auch hier Fehlanzeige. Die geistliche Entwicklung ist Berufung aller Christen. Doch die meisten von ihnen sind nur religiös sozialisiert, Jesus gegenüber bleiben sie zeitlebens unentschieden. Für die meisten Christen gab es seit ihrer Erstkommunion keine spirituelle Evaluation, keine Entwicklung vom bloßen religiösen Gefühl zum Glauben hin. Mein Trost: Es ist dafür nie zu spät, man muss aber dranbleiben. Die geistliche Evaluation der Kirche als Gemeinschaft ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ins Stocken geraten, selbst Papst Franziskus beißt hier auf Granit, die von ihm gelebte Freiheit prallt an Betonköpfen ab. Der christliche Freimut ist ängstlichem Kleinmut gewichen.

Die Corporate Identity ist das, was die Mitarbeitenden eines Betriebs verbinden und dadurch motivieren soll. Corporation bedeutet Körperschaft. Die Kirche ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Und noch mehr: Sie ist der Leib Christi – Corpus Christi. Leib Christi ist eine Bezeichnung sowohl für die Kirche als auch für die heilige Eucharistie. Wie steht es mit der Corporate Identity der Christen, mit ihrer Verbindlichkeit und Motivation? Als getaufter Christ nicht regelmäßig an der heiligen Eucharistie teilzunehmen, würden Unternehmensberater wohl als absolutes „No-Go“ bezeichnen. Andererseits wäre es ein Zeichen der Verlässlichkeit der Bischöfe, wenn sie sicherstellten, dass jede Gemeinde die heilige Eucharistie auch qualitätsvoll und sinnstiftend feiern kann.

Beim Fundraising werden die meisten deutschen Katholiken mit dem Kopf schütteln und sagen: Wir haben doch die Kirchensteuer. Es geht aber nicht nur darum, Geld locker zu machen, sondern neue Christen zu gewinnen. Glauben ist keine Privatsache. Wer den Glauben mit sich allein ausmacht, macht am Ende auch allein den Glauben aus. Hätten die Apostel ihren Glauben als Privatsache angesehen, wüssten wir nichts von Jesus. Wo sind die Auferstehungszeugen heute?

Ein Logo hat heute jeder: Firmen, Behörden, Einrichtungen und Privatpersonen. Auch das Bistum Münster sucht nach einem neuen Logo, damit auf allem, was bei uns Kirche ist, auch Kirche draufsteht. Die Frage ist nur, ob alle, die auf der Gehaltsliste eines Bistums stehen, auch Kirche sein wollen. Christen haben bereits ein Logo, das sich bewährt hat und angesichts der ausufernden neoliberalen Leistungsgesellschaft ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal darstellt: das Kreuz. Es kam von jeher nicht gut an, es war von Anfang an den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit (vgl. 1 Kor 1,23). Das bedeutet: Die Frommen und die Schlauen verstehen das Kreuz nicht. Gott ist eben anders, als wir ihn uns denken können. Am Kreuz offenbart er seine wehrlose Liebe. Unser Logo sagt, dass Gott uns leiden kann. Bunte Bildchen sind deshalb als Kirchen-Logo weniger geeignet.

Schließlich die Bilanz – was am Ende übrigbleibt. Ich bin davon überzeugt: alles, mehr als alles, eine ganze unermessliche Ewigkeit! Gott speist uns nicht mit dem ab, was wir selbst erarbeitet haben. Dann wäre er wirklich nur ein Betriebswirt oder gar ein Buchhalter, der auszahlt, was wir bei ihm eingezahlt haben; dann wäre unser Leben bloß eine Firma mit Konkurrenz und Erfolgszwang. Gott schenkt Erlösung. Er liebt uns, weil es uns gibt, und nicht erst, wenn wir gut sind. Er liebt uns vor jeder Leistung und nach aller Schuld. Und so nimmt er uns an und macht uns ewig. Es geht am Ende gut aus, es geht um Vollendung.

Deshalb meine Kritik an der naiven Wirtschaftsgläubigkeit der Kirchen, an dieser rhetorischen Überrumpelung durch Agenturen, von denen wir gar nicht wissen können, wes Geistes Kind sie wirklich sind. So zeigt die ulkige Evonik-Werbung auf der Rückseite der Printausgabe des Katholikentagsprogramms, wie wenig die Marketingexperten der Wirtschaft die Kirche und wie wenig die für solche Werbung verantwortlichen hauptberuflichen Gehaltslistenchristen sich selber ernst nehmen: Evonik will Jesus eine Stelle anbieten, weil er Wasser in Wein verwandeln kann; das finde ich gar nicht lustig, es ist die Stammtisch-Blasphemie eines arroganten Weltkonzerns.

Sicher muss man auch die Kirche klug leiten, sie darf nicht ohne Ressourcen dastehen. Aber ein profitables Unternehmen ist sie nicht, das widerspräche der grenzenlosen Liebe Gottes. Die Kirche ist die Gemeinschaft des Auferstandenen, sie ist Corpus Christi. Deshalb müssen wir sie anders denken, vom Kreuz und von Ostern her, von ihrer Kernbotschaft her. Mir scheint, dass der Neoliberalismus auch die Kirchenleitungen samt ihrer ehrenamtlichen Demokratiekompensate schon so dermaßen eingenommen hat, dass vieles nur noch durch die betriebswirtschaftliche Brille gesehen wird.

Die Kirche braucht keine Agenturen, denn der eigentliche Agent des Auferstandenen ist der Heilige Geist, der in allen Getauften lebendig ist. Das lateinische Wort agere bedeutet bewegen, treiben. Der Beweger und Antreiber der Kirche ist die göttliche Geistkraft, die wir endlich hereinlassen müssen. Der Heilige Geist ist kein Funktionär der Kirche, sondern die Kirche ist eine Funktion des Heiligen Geistes. Und der ist wirklich ein erstklassiger Coach! Denn er sorgt vehement dafür, dass nicht einfach alles beim Alten bleibt. Wenn man ihn lässt.

Der Markenkern also ist die Auferstehung, das Leitbild das Evangelium, die Evaluation unser aller Berufung. Die Corporate Identity ist in der Taufe begründet und verwirklicht sich in der heiligen Eucharistie, das Fundraising ist unser Glaubenszeugnis, das Logo ist das Kreuz. Die Bilanz schließlich steht schon fest: Erlösung und Ewigkeit.

Für mich bedeutet Ostern: Mein Leben kann nicht mehr scheitern, denn ich habe nichts zu verlieren. Ich muss nicht alles herausholen, was womöglich drinsteckt. Ich bin gelassen im Vorletzten, weil ich geborgen bin im Letzten. Die Auferstehung macht mir Mut, mit Rückgrat und Courage Christ zu sein.

Sonntag, 1. April 2018

Emmaus

Sitzungen kann ich nicht ausstehen. Aber leider gibt es ziemlich viele davon. Auch in meinem Beruf als Pfarrer. Manche davon sind ganz sicher nötig. In meinem Fall sind das Dienstbesprechungen, Kirchenvorstand, Pfarreirat. Das muss sein, dafür bin ich dankbar. Aber die ganzen Gremien darüber hinaus, die mag ich gar nicht. Das ist fast alles Metaebene: Kommissionen, die sich nur deshalb treffen, weil es sie gibt, und nicht, weil sie irgendeine Aufgabe hätten.

Dafür mag ich seelsorgliche Gespräche umso mehr. Wenn es um den geistlichen Weg eines Menschen geht, also um seinen Glauben, seine Zweifel, sein Suchen und Fragen. Oder wenn einer Probleme hat und einfach mal jemanden braucht, bei dem er sich aussprechen kann. Weil ich aber keine Sitzungen mag, führe ich seelsorgliche Gespräche gerne im Gehen.

Denn im Gehen schaut man in dieselbe Richtung. Man spürt, dass es buchstäblich weitergeht. Keiner kreist um sich selbst. Das Gehen befreit. Außerdem ist man dabei ja nicht allein. Regen mich Sitzungen eher auf, so regen mich Gehungen eher an. Ich fühle mich dann jedes Mal beschenkt. Durch das Vertrauen, aber auch durch den gemeinsamen Gang und die frische Luft.

Bei einer solchen Gehung haben auch zwei Jesus-Jünger erfahren, dass er lebt. Damals, vor zweitausend Jahren. In den Lesungen der Kirchen am Ostermontag geht es genau um diese Gehung. Eigentlich wollten die beiden Jünger weg von Jerusalem, bloß weg vom Ort der Kreuzigung, alles hinter sich lassen. Während sie aber nach Emmaus gehen und ihre Trauer miteinander teilen, spüren sie, dass sie nicht allein sind. Jesus geht mit, hört ihnen zu, bleibt sogar mit ihnen stehen. Und erklärt ihnen, warum alles so kommen musste. Als er dann Brot und Wein mit ihnen teilt, erkennen sie: Jesus lebt!

Die beiden Jünger mussten dafür übrigens gar nicht viel tun. Was haben sie gemacht, um Jesus erfahren zu können? Sie sind miteinander auf dem Weg und im Gespräch geblieben. Mehr nicht! Sie hatten keine Lösungen, sie haben nur ihre Trauer geteilt. Das genügt schon, um zu spüren, dass man nicht allein ist.

Die Geschichte geht mir sehr nah, schon seit vielen Jahren. Sie steht im Neuen Testament, Lukasevangelium, Kapitel 24. Unbedingt lesen! Außerdem wird sie heute im Gottesdienst verkündet. Machen Sie sich doch einfach auf den Weg, machen Sie eine Gehung, dann sitzen Sie nicht nur herum. Und sind heute nicht allein. (WDR 4 am 2.4.2018)

Freitag, 30. März 2018

Der Kreuzschnabel

Als der Heiland litt am Kreuze,
Himmelwärts den Blick gewandt,
Fühlt‘ er heimlich sanftes Zucken
An der stahldurchbohrten Hand.

Hier, von allen ganz verlassen,
Sieht er eifrig mit Bemühn
An dem einen starken Nagel
Ein barmherzig Vöglein ziehn.

Blutbeträuft und ohne Rasten
Mit dem Schnabel zart und klein,
Möcht‘ den Heiland er vom Kreuze,
Seines Schöpfers Sohn befrei’n.

Und der Heiland spricht in Milde:
„Sei gesegnet für und für!
Trag‘ das Zeichen dieser Stunde ewig,
Blut und Kreuzesgier.“

Kreuzschnabel heißt das Vöglein:
Ganz bedeckt vom Blut so klar,
Singt es tief im Fichtenwalde
Märchenhaft und wunderbar.

Julius Mosen

Sonntag, 18. März 2018

Offen und ehrlich

Ehrlich währt am längsten. Na klar. Wer hätte da was dagegen? Morgenimpuls beendet, weiter mit den Nachrichten. Brauche ich nicht weiter drüber zu reden. Oder vielleicht doch?

Ein Besuch im Hospiz. Ich treffe eine todkranke Frau. Sie wird bald sterben, deshalb ist sie jetzt in einem Hospiz zu Gast. Ich finde das richtig gut, dass es so etwas gibt. Im Hospiz sind keine Patienten, sondern Gäste. Jeder weiß, dass es nur noch darum gehen kann, Schmerzen zu lindern. Und die letzten Tage und Wochen so angenehm wie möglich zu machen. Also weiß hier jeder – offen und ehrlich – worum es an so einem Ort geht: Wir sind nur Gast auf Erden.

Aber: Das mit der Ehrlichkeit war bei meinem Besuch so eine Sache. Die Verwandten waren nämlich auch da. Aber keiner hat etwas gesagt. Es war kein Gespräch, sondern nur Gerede. Man sprach über dies und das, Small-Talk wie immer, so als wenn nichts wäre. Keiner konnte aussprechen, was wirklich wichtig war: Dass die Frau nämlich bald sterben wird. Sie selber wusste es ganz genau – und die Verwandten wussten es auch.

Ich bin deshalb noch einmal hingegangen. Da konnte ich in Ruhe alles ansprechen. Und die Frau konnte alles aussprechen. Das hat ihr richtig gut getan. Und mir auch. Ich finde es immer besser, wenn man die Dinge direkt anspricht. Sicherlich braucht man dafür ein ganz großes Einfühlungsvermögen. Mit dem Holzhammer geht es jedenfalls nicht. Aber drumherum reden nützt keinem etwas.

Vielleicht sind viele überfordert, wenn es so richtig konkret wird. Persönlich und emotional. Wenn man Worte sucht und keine findet. Wenn man, weil man ja nicht einfach schweigen will, irgendeinen Blödsinn erzählt. Ich habe mir vorgenommen, sensibel zu bleiben und direkter zu werden. Und wenn ich dafür keine Worte finde, dann sage ich das einfach, dann gebe ich es zu. Ehrlich währt am längsten. Und Wahrheit macht frei.